Leseprobe

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… der Pater dreht seinen Kopf mehr zu Robert hin und schaut verdutzt. „Das verstehe ich nun wirklich nicht. Was meinen Sie mit Mittelmäßigkeit?“ Robert räuspert sich: „Wissen Sie, ich kann eine ganze Menge. Und ich übertreibe nicht. Ich bin Tischler, seit über 30 Jahren, und kein schlechter. Ich kann Arbeitskolonnen organisieren, kann mit einem Blick die richtigen Holzarten und Materialien bestimmen, die ich brauche. Ich kann schätzen, bestellen und berechnen – und zwar ziemlich genau. Zu Hause schmeiß ich auch den Haushalt, inklusive Kochen. Und manchmal backe ich sogar. Ich spiele in einer Band – Gitarre. Und ich bin auch ein ordentlicher Sportler. Bin gerade dabei, für den Berlin-Marathon zu trainieren. Und das schaffe ich auch. Vielleicht noch nicht dieses Jahr, dann aber nächstes Jahr. Das schaffe ich! Und alles, was ich mache, mache ich ganz gut. Aber halt nur so einigermaßen gut. Und irgendwie gibt es nichts, was ich wirklich gut kann. Ich meine, richtig gut! Verstehen Sie, was ich meine?“

„Etwas mehr“, nickt der Pater vorsichtig, „schon etwas mehr. Aber sicher bin ich mir noch nicht.“

Robert nimmt eine aufrechte Haltung ein. „Ich möchte gerne etwas, irgendetwas so richtig gut können. Der Beste sein! Oder zumindest zu den Besten gehören. Dann wäre es mir auch egal, wenn ich irgendwas anderes überhaupt nicht könnte. Wenn ich nicht kochen könnte oder nicht Auto fahren oder wenn ich eine Null beim Pokern wäre. Wenn ich bei irgendwas wirklich spitze wäre, dann, dann, dann … Meine Mittelmäßigkeit, die kotzt mich an! Verstehen Sie jetzt!?“

Der Pater scheint hinter dem Fenster langsam zu nicken.

„Ich frage mich oft, was wohl wäre, wenn ich zum Beispiel der beste Tischler von Berlin wäre. Oder der schnellste Marathonläufer.“

„Sie wollen besser sein!“

„Ja!“, schießt Robert hervor.

„Heißt das, dass Sie mehr Ruhm wollen?“

„Ruhm?“ Robert überlegt.

„Sie sind nicht damit zufrieden, die Dinge, die Sie können, ganz gut zu können. Sondern Sie wollen der Beste sein.“

„Genau!“

„Aber warum?“

Robert schaut verdutzt: „Warum? Warum? Das ist ja `ne komische Frage.“

Der Pater bleibt unbeeindruckt: „Wollen Sie der schnellste Marathonläufer werden, weil das an und für sich eine Qualität hat, oder wollen Sie, dass man Ihnen zujubelt?“

Diese Frage hat sich Robert noch nie gestellt. „Ich weiß nicht, keine Ahnung.“

„Wollen Sie der beste Tischler sein, weil es Sie mit Genugtuung erfüllen würde, die stabilsten Tische zu bauen, die tollsten Regale oder die schönsten Einbauküchen? Oder geht es Ihnen darum, von den anderen bewundert zu werden?“

Robert denkt nach, dann überkommt ihn ein leichtes Grinsen. „Na ja, wenn nicht jeder in der Innung einen Brechreiz kriegt, wenn er meinen Namen hört, wäre das schon ganz in Ordnung.“ Er lacht zu sich selbst. „Aber genauer gesagt geht es um etwas anderes.“ Er holt tief Luft. „Es geht ums Prinzip!“

Der Pfarrer stöhnt auf: „Entschuldigen Sie! Mein Knie tut mir ziemlich weh.“ Er streckt sein Bein, soweit das in dem Beichtstuhl möglich ist, und massiert sein Knie ein wenig.

Auch Robert verändert seine Haltung. Als er sein Gewicht verlagert, knarrt der Beichtstuhl. „Kann ich verstehen. Ein bisschen unbequem hier.“ Er blickt nach unten. „Hören Sie sich das mal an!“ Robert verlagert sein Gewicht wieder von einem Knie auf das andere. Wieder quietscht das Holz. Er wechselt von rechts nach links, noch mal und noch mal.

Draußen nimmt die Malerin etwas Abstand vom Bild, drückt eine neue Farbentube auf ihrer Farbenplatte aus. Sie schaut verdutzt zum Beichtstuhl. Das Quietschen wird immer heftiger.

Robert amüsiert sich über das rhythmische Geknarre. „Hören Sie?!“ Hämisch und ein bisschen vorwurfsvoll: „Anstatt einfach mal die Bretter ordentlich zu verleimen und neu festzuschrauben.“

Der Pater wendet seinen Kopf ab. „Auch wir sind eben etwas mittelmäßig. Allerdings kommen auch nicht allzu viele Leute hierher, um Turnübungen zu machen.“

Robert schaut sich im Halbdunkel um, vielleicht um Weiteres zu finden, was ihm missfällt. „Und dieser enge Kasten hier! Die Luft ist auch nicht besonders. Und meine Knie tun mir weh! Außerdem könnte man es hier ruhig ein bisschen gemütlicher haben.“

Plötzlich wird der Pater munter. „Ja, natürlich! Möchten Sie vielleicht einen Hocker haben?“

Robert nickt.

„Oder besser noch einen Stuhl?“

„Ja, warum nicht.“

„Und wie wäre es mit einem Gebläse für Frischluft?“

Roberts Stimmung steigt weiter an: „Wenn das ginge.“

Die Stimme des Paters wird schneller: „Und dann vielleicht noch ein bisschen Musik? Für den Hintergrund? Vielleicht noch was zu trinken? Cola, Saft oder vielleicht lieber ein Bier? Und warum gibt es hier eigentlich keinen Fernseher, hm?“

„Was?“, ruft Robert verdutzt.

Der Pater spricht noch eindringlicher: „Ja, ich frage Sie das! Warum, glauben Sie, gibt es hier eigentlich keinen Fernseher? Jedes Hotelzimmer, jedes Wartezimmer, jede Kneipe hat einen Fernseher. Man kann nicht mal mehr U-Bahn fahren, ohne gegen einen Monitor zu stoßen. Aber wir, die Kirche, rückständig wie wir sind, tun nichts für die Gemütlichkeit. Kein Wunder, dass Leute wie ich hier sonst allein herumsitzen, was?“

Robert weiß nicht so recht, wie er reagieren soll. Er blickt zum Pater, dreht sich dann zur Tür, durch deren oberes Gitter jetzt mehr Licht kommt, da sich draußen die Sonne zeigt.