Vorwort

PDF Version

 

Wir leben in einer merkwürdigen Zeit: Die digitale Entwicklung hat es möglich gemacht, dass wir mit Menschen auf der ganzen Welt kommunizieren. In Sekundenschnelle erfahren wir, wer von unseren „Freunden“ (oft irgendwo in fernen Ländern) online ist, mit wem wir also chatten können beziehungsweise ob unser potentieller Gesprächspartner gerade mit anderen spricht oder per Skype verbunden ist. Besonders Jugendliche schaffen es mit Leichtigkeit, ein Dutzend „Gespräche“ gleichzeitig zu führen. Aber auch in der Erwachsenenwelt sieht es nicht wesentlich anders aus: In fast allen Unternehmen gibt es auch betriebsintern einen regen E-Mail- / SMS-Verkehr. Selbst wenn der Adressat direkt im Büro nebenan sitzt und man nur drei Schritte machen müsste, um mit ihm persönlich zu sprechen.

Darüber hinaus ist das Internet zu einem Medium mutiert, in dem viele Menschen bereit sind, über ihre intimsten Gedanken und Erfahrungen zu berichten: Beziehungsstress und Sexualprobleme, Therapiesitzungen und Kindheitstraumata, Kollegenschelte oder astrologische Ratschläge. Es gibt fast nichts, wozu die Nutzer keine Meinung hätten, keinen Rat wüssten, keine Erfahrung beisteuern könnten.

Natürlich gibt es viele Foren, in denen man sinnvolle Anregungen erhalten, interessante Informationen bekommen, neue Aspekte kennen lernen kann. Für viele ist allein die Tatsache, dass sie mit ihren Problemen nicht allein auf der Welt sind, schon ein gewisser Trost. Die scheinbare Anonymität der digitalen Welt sorgt aber auch dafür, dass viele Nutzer vor Millionen Menschen einen Seelenstriptease betreiben, der im direkten Kontakt mit Freunden undenkbar wäre. Das Selbstdarstellungsbedürfnis kennt keine Grenzen mehr. Manchmal ist es sogar Voraussetzung, um mit dabei zu sein. Rund um das Thema „Liebe“ zum Beispiel hat sich in den letzten Jahren eine Industrie entwickelt, die uns den „perfekten“ Partner vermitteln will. Partnersuchende offenbaren ihre Präferenzen, Ansprüche und auch persönlichen Fehler mit vielen Häkchen, Jas und Neins. Nicht nur in Großstädten finden sich auf diese Weise inzwischen mehr Paare als im „normalen“ Alltag. Allerdings ohne dass die Scheidungsrate signifikant gesunken wäre (in Deutschland liegt sie seit Jahren bei ca. 50 Prozent).

Gleichzeitig erleben wir, dass persönliche Begegnungen in allen Lebensbereichen abnehmen. War es im Sportverein früher üblich, nach dem Training noch etwas trinken zu gehen, sind diese Treffen weniger geworden. Mitarbeiter von Unternehmen treffen sich immer öfter zu Videokonferenzen, Jugendfreizeitheime kämpfen um Jugendliche, Kneipen um ihre Kunden, Kirchen um ihre Mitglieder. Im Falle der Kirchen fällt auf, dass die Priester in vielfacher Hinsicht einen schweren Stand haben. Zum einen haben die in den letzten Jahren aufgedeckten Missbrauchsskandale einen massiven Vertrauensverlust verursacht, der noch gar nicht abschließend eingeschätzt werden kann. Zum anderen sind viele Priester schlicht überlastet, weil aufgrund sinkender Mitgliederzahlen immer mehr Gemeinden zusammengelegt werden, diese aber zum Teil so weit auseinander liegen, dass eine regelmäßige direkte Begegnung mit den Menschen vor Ort nur noch sporadisch möglich ist. Und auch dann gibt es nur selten wirklich intensive, vertrauensvolle Begegnungen. Denn dazu gehört nicht nur ein Priester, der ein offenes Ohr, die Zeit zu verweilen und ein verständiges Herz hat. Es gehört auf der anderen Seite auch ein Mensch dazu, der den Willen und das Bedürfnis hat, sich zu öffnen und mitzuteilen.

Ein Beichtgespräch ist dabei noch einmal eine spezielle Situation. Geht es doch nicht nur um ein vertrauliches Gespräch. Es setzt auch Lebensreflektion voraus. Nicht übers Wetter und die allgemeine Lage soll gesprochen werden, sondern über Situationen, in denen wir Fehler begangen haben, es hätten besser machen sollen beziehungsweise müssen. Dieser Zahn nagt an uns und will, wenn nicht gezogen, so doch zumindest thematisiert sein.

Es ist interessant zu sehen, dass einerseits das Bedürfnis vieler Menschen, ihre Lebenssituation zu reflektieren, stetig steigt. Anders ist es gar nicht zu erklären, dass es nicht nur hierzulande immer mehr Psychologen gibt. In bestimmten Kreisen in den Großstädten der USA ist es fast schon peinlich, keinen Psychologen zu haben. Es gehört zum guten Ton, und viele Leute geben dafür eine Menge Geld aus. Andererseits wird das Gespräch mit Priestern nur wenig gesucht. Als bei meiner Tochter das Fest der Versöhnung anstand, wozu die Beichte (eines der sieben Sakramente) gehört, wurden die Eltern darauf hingewiesen, dass ein entsprechendes Beichtangebot natürlich auch für sie bestünde: „Von Zeit zu Zeit wäre das ja vielleicht angebracht …“ Von weit über 40 Eltern nahmen drei die Gelegenheit wahr. Keine Beichte! Alles fast bestens, Pater ist weder ein Plädoyer noch eine Aufforderung, kirchliche Rituale wiederzubeleben, sondern einfach nur ein unterhaltsamer Anstoß, das eigene Leben zu reflektieren.